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Thoravorhang aus dem Brautkleid Fromet Mendelssohns, gestiftet einer Berliner Synagoge im Herbst 1775.
Bürgerliche Verantwortung

Civil Religion

Während offizielle Bekenntnisse innerhalb der Mendelssohn-Familie zwischen Judentum, Protestantismus und Katholizismus im Lauf der historischen Entwicklung variieren, trifft sich die familiäre Überlieferung der auseinanderstrebenden Familienzweige in der Verpflichtung auf eine aufgeklärte Civil Religion: auf das Ethos der bürgerlichen Verantwortung.

Die Geschichte der Mendelssohns als Stifter beginnt mit dem Stammvater Moses, der das Brautkleid seiner Frau, umgearbeitet zu einem Thoravorhang, einer kleinen Berliner Synagogengemeinde schenkt. In der zweiten Generation setzt vor allem der Bankgründer Joseph Mendelssohn Maßstäbe: Seine Stifterbiographie beginnt mit einer Kunst-am-Bau-Gabe für die neue Berliner Börse am Beginn des 19. Jahrhunderts. Er engagiert sich für Sozialprojekte innerhalb der Jüdischen Gemeinde und, bis zum Vorabend der 1848er-Revolution, zugunsten der Stadt; aber auch als Finanzier des ersten Berliner Volkstheaters. Sein Bruder Abraham Mendelssohn Bartholdy ist als unbesoldeter Stadtrat in der Armenpflege aktiv. Die zum Christentum konvertierten Familienmitglieder pflegen gleichermaßen jüdische Wohltätigkeits-Tradition, die Zedeka. In diesem Sinne werden am Abend der Silberhochzeit des Ehepaars Mendelssohn Bartholdy, in den Weihnachtstagen des Jahres 1829, fünfundzwanzig bedürftige Berliner festlich beköstigt.

In der dritten Generation fällt auf, dass die Brüder Georg Benjamin und Alexander Mendelssohn, trotz ihrer unterschiedlichen Konfession, bei der Gründung und Förderung von sozialen Institutionen zusammenarbeiten: Sie finanzieren im katholischen Horchheim bei Koblenz, wo ihre Familie ein Sommergut besitzt, die Einrichtung eines von Nonnen geführten Krankenhauses, und in Berlin-Charlottenburg den Bau eines kommunalen Hospitals. Die Erben des verstorbenen Felix Mendelssohn Bartholdy begründen durch eine Berliner Stiftung den ersten deutschen Musiker-Preis. Bankiers der vierten und der fünften Generation profilieren sich neben ihrer Sammlertätigkeit als Mäzene der Museen, zur Unterstützung fortschrittlicher Kulturpolitik.

In den späten 1920er Jahren tritt die Mendelssohn-Familie, angeführt durch Vertreter des Bankhauses, als Unterstützerin der groß angelegten Jubiläumsausgabe Moses Mendelssohns hervor, deren Edition während der NS-Zeit unterbrochen wird. Auch die von Berliner Mendelssohn-Bankiers ermöglichte Gründung einer Dessauer Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften fällt in die Zeit der Weimarer Republik. Der finanzielle Umfang dieses öffentlichen Engagements ist in seiner Gesamtheit noch nicht erforscht; seine Vielfalt und die Dauer zeigen ein außergewöhnliches Beispiel bürgerschaftlicher Familien-Gesinnung über fünf Generationen.